Ich habe viele Jahre Kunstgeschichte studiert und ich war in Basel für ein Austauschsemester. Das alles ist mir neben einem sehr anstrengenden Job in der medizinischen Forschung gelungen.
Dass ich das Studium kurz vor dem Abschluss nicht beendet habe, erschien damals für einige sehr eigenartig. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich aber für einen Job in der Medizintechnik entschieden, der mich auf allen Ebenen gefordert hat. Es war für mich ein völlig neues Fachgebiet und ich stand täglich auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Ich musste schnell und richtige Entscheidungen treffen. Mir war klar um das gut machen zu können, geht ein – ich-bin-mit-dem-halben-Denken-woanders – nicht. Also ließ ich mich völlig auf das Neue ein und ließ das Alte los.

Warum gerade Kunstgeschichte?

Die Kunst hat mich schon immer interessiert. Kunstgeschichte studierte ich damals aus zwei Motiven:

1) ich wollte verstehen wie Künstler ticken

2) ich wollte Tag und Nacht mit Kunst und dem Denken darüber umgeben sein. Diese Art zu denken zeigte mir Wege auf, wie ich ein Leben über die engstirnige Box des Wie-es-sich-gehört hinaus noch angehen kann

Der ersten Motivation hinke ich bis heute mit der Frage hinterher, ob es diese Möglichkeit überhaupt gibt: einen schlüssigen Zusammenhang herzustellen zu können zwischen dem künstlerischen Werk und wie der Künstler als Mensch funktioniert.

Meine zweite Motivation erfüllte sich sehr wohl. Ich habe durch das Studium gelernt, wie ich aus einem engen Denken heraus die Tür öffnen und Neues zulassen kann. Diese Fähigkeit habe ich mir behalten, auch ohne Abschluss.
Etwas Zweites ist mir aus der Zeit auch noch geblieben: Der größte Spaß bereitete mir das Schreiben von Seminararbeiten. Ich habe Berge von Bücher nach Hause geschleppt, recherchiert wie ein Weltmeister, eigene Überlegungen angestellt und geschrieben wie ich bin. Ich hab also im Schreiben nachgedacht. Nicht immer traf ich damit auf fruchtbaren Boden. Bei meiner Bachelorarbeit, als der Lehrplan plötzlich strenge Vorgaben wie man wissenschaftlich schreibt hatte, bekam ich folgendes Feedback:

Sie haben einen ganz wunderbaren Text geschrieben. Ihre Überlegungen sind erfrischend neu und interessant, aber er passt nicht in unser jetzt gültiges Raster für wissenschaftliches Schreiben

Klar verbrachte ich dann viele Stunden damit mich anzupassen, aber Spaß hat es mir nicht gemacht.

Noch eine weitere Denkart

Heute mache ich selbst Kunst. Es ist also noch eine weitere Ebene meiner Art zu Denken dazu gekommen. Plötzlich muss ich über meine Werke nachdenken, die ich eigentlich produziert habe, damit man sie anschaut. Interessanterweise überfordert mich mein Reflexionsvermögen genau an diesem Punkt immer wieder. Ich strenge mich an um meine Beweggründe zu finden, aber es gibt auch Zeiten, wo es mir gar nicht gelingt sie festzumachen.

Meine Sprache als Künstlerin ist sehr sinnlich. Es ist eine Sprache der gefühlten Erfahrung. Es sind Bilder, die aus meinem Brunnen, meinem Leben kommen.
Mit Sicherheit kann ich mittlerweile sagen, dass jeder Künstler ein Künstlergehirn besitzt. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage im Sinne von Joseph Beuys „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Das bedeutet also jeder Mensch besitzt ein Künstlergehirn.
Ich bin auch überzeugt davon, dass es genau die Bilder in dem Gehirn sind und ihre Koppelungen an unsere Sinne, die jedem das Tor zur Heilung öffnen. Durch aufmerksames Erspüren findet jeder, wie dieses Gehirn für einen selbst an die Oberfläche, das bewusste Denken gebracht werden kann.

Wir müssen uns unseren Lebenserfahrungen stellen, anstatt sie zu ignorieren. In diesen Zeiten, wo Ablenkung durch jede Form von Medien so einfach ist, braucht dieses Stelldichein schon eine bewusste Entscheidung. Regelmäßig sich wiederholende Handlungen wie duschen, schwimmen, putzen, rasieren, Auto waschen, lassen uns aus der rechten in die linke Gehirnhälfte kippen und plötzlich Lösungen von Problemen  durch das Spülwasser hochblubbern. Die Gefahr, dass diese Öffnung des Denkens auch gleich wieder im Nirvana verschwinden ist allerdings groß.

Ich trage deshalb immer ein Notizbuch bei mir. Dort schreibe oder zeichne ich, was ich entdeckt habe. So kann es gelingen im Denken bewusst weiter zu werden und anderes, neues zuzulassen.

2 thoughts on “#22/52 weeks of printmaking: Magnolie | Wie Denken funktioniert”

  1. Wunderschön wie Du Deinen Weg beschreibst…ich schwinge mit, auch wenn ich bei aller Liebe zu meinem Hirn aus der Welt der Traumwandler komme… aber im Kern geht es um die ungeheure Möglichkeit der Kunst das “gewohnte” Denken , Fühlen Wollen mal gehörig durcheinander zu wirbeln und dann…. tauchen sie auf…die Bilder, die uralt sind und doch zukünftiges in sich tragen… Du bist eine Künstlerin und Inspiration, Intuition und herzensdenken sind DIE Werkzeuge der Zukunft.

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